Klappt man die Seitenflügel des Triptychons „Der Garten der Lüste“ zu, ist auf der Frontseite das Bild einer durchsichtigen Weltkugel zu sehen. Sie stellt den dritten Tag der Schöpfungsgeschichte dar: Gott hat Wasser und Erde voneinander getrennt und die ersten Pflanzen geschaffen. Die Innenansicht des Triptychons bietet den Blick auf den „Garten Eden“ (linker Innenflügel), den „Garten der Lüste“ (Mittelteil) und die „musikalische Hölle“ (rechter Innenflügel).
Als Motiv aus der Bibel hat Bosch lediglich die Erschaffung Evas in Szene gesetzt. Es ist in Abweichung zum Buch Genesis Jesus, der sie erschafft. Die drei Figuren, Adam, Jesus und Eva sind durch Berührungen miteinander verbunden. Die Schlange, Inbegriff für den Sündenfall ist weit weg, am rechten Rand oben schlängelt sie sich um einen Baumstamm.
Ansonsten präsentiert das Bild eine Reihe fantastischer Einfälle: Ein Berg im Hintergrund scheint Unterschlupf für zahllose Vögel zu sein, die aus ihm herausfliegen, in die Ferne schweifen und zurückkehren – der Wechsel von Geburt, Tod und Wiederkehr. In der Mitte befindet sich in einem klaren Teich ein bizarrer Brunnen, der Lebensbrunnen, in dessen Innern eine Eule sitzt. Um den Teich herum sind zahlreiche Tiere gemalt, die meisten von ihnen friedlich. Die Abbildungen wird Bosch aus Bestiarien abgemalt haben, exotische Tiere wie Giraffe und Elefant werden ihm nicht aus eigener Anschauung bekannt gewesen sein. Hier erweist sich, was im Hauptartikel zu Bosch schon erwähnt wurde: Auch fantastische Wesen wie das Einhorn und drachenähnliche Wesen haben Eingang in Bestiarien gefunden und wurden ebenso ernst genommen, wie reale Tiere. Eine Missgeburt von einem Hund (er hat nur zwei Beine) ist auf dem Innenflügel ebenfalls zu sehen (zu Boschs Einstellung zu Hunden siehe Des Herren Hunde). Auch unheimliches Getier spült das klare Wasser des Teichs ans Land. Unheil deutet sich schon im Paradies an, wie auch die Abbildung am unteren Rand zeigt: Ein Pfuhl mit trübem Wasser beherbergt hässliche Kreaturen, die halb Fisch, halb Vogel, halb Echse sind.
Der lange Zeit anhaltenden Interpretation der Mitteltafel als Warnung gegen die Todsünde Wollust setzte erstmals der Kunsthistoriker Wilhelm Fraenger (zur Quelle siehe Literaturhinweis) eine völlig neue und überraschende Sicht der Dinge entgegen: Er deutete die Darstellung als utopisches Traumbild eines Liebes-Paradieses. In der Tat: Entgegen Boschs Gepflogenheit, sexuelle Betätigungen anrüchig darzustellen, als würden die Personen stets einem niedrigen Instinkt folgen, zeigt er auf der Mitteltafel ein fried- und freudvolles Beisammensein von Menschen und Tieren. Um einen kreisförmigen Teich, in welchem Menschen baden, zieht eine Prozession von Reitern auf Pferden und Lasttieren herum; am linken Rand des Bildes sitzen zwischen den Menschen übergroße Vögel (Eisvogel, Wiedehopf, Grünspecht, Rotkehlchen und Stieglitz, allesamt wahrscheinlich abgemalt aus einem Bestiarium). Ohne Frage gibt es auch manche skurrile Darstellung, doch dominiert eine unagressive, harmonische Stimmung. Sexualität wird als von positiven Emotionen getragenes, behutsames Spiel betrachtet, sogar Dämonen, die im oberen Teil des Bildes neben dem Lebensbrunnen (sein Unterbau ist eine große Waldbeere) planschen, geben sich der positiven Stimmung hin. Überall sind überdimensionale Früchte, vornehmlich Erdbeeren, Kirschen, Himbeeren und Brombeeren platziert, Zeichen der Lebensfülle – und der Erotik. Am Rande des unteren Bildabschnitts steht eine kleine Gruppe von Frauen, deren Äußeres darauf schließen lässt, dass es sich um Nonnen handelt. Das Haupthaar ist am Schädel vorn wegrasiert (wie es bei Nonnen üblich war, damit es nicht unter der Kopfbedeckung herauslugt), eine aus der Gruppe hat locker den Flagellationsriemen um die Oberschenkel gewunden. Die Darstellung der Nonnen in der Szene ist - trotz ihrer Nacktheit - nicht als Provokation gedacht, sondern von dem Wunsch getragen, die Kirche in diese friedvolle, harmonische Welt einzubeziehen. Der „Garten der Lüste“ trägt seinen Titel zu Unrecht, es ist ein „Garten der Liebe“. Im rechten Bildhintergrund hebt ein beflügelter Mensch, eine Frucht über sich tragend, ab und steigt zum Himmel auf.
In diesem Innenflügel von „Der Garten Der Lüste“ ist die Hölle abgebildet. Angesichts dieser Szenen von Einklang und Friedfertigkeit wirkt der rechte Flügel des Triptychons um so erschütternder. Es ist eine von Boschs bekanntesten Darstellungen der Unterwelt, ihr Titel „musikalische Hölle“ rührt daher, dass ein unübersehbarer Schwerpunkt auf Musikinstrumente gelegt ist, die als Folterwerkzeuge gegen wehrlose Menschen eingesetzt werden.
Die vier Elemente sind in der Abbildung vertreten, das Feuer verdunkelt mit seinen Schwaden jedes Licht und heizt zugleich die von den Schreien der Gequälten durchdrungene Luft auf, das Wasser ist gefroren, einige durch das Eis gebrochene Menschen ertrinken darin, auf der Erde im Vordergrund wie auch im Hintergrund werden verschiedene Formen von Folter praktiziert. Das Augenmerk auf sich zieht der so genannte Baummensch. Er ist installiert auf zwei kleinen Booten, die im Eis festgefroren sind, sein dem Betrachter zugewandtes, nachdenkliches Gesicht (manche Interpreten nehmen an, es sei ein ungenaues Selbstportrait Boschs) ist auf einem Korpus montiert, der an ein geborstenes Ei gemahnt. Auf seiner Kopfbedeckung, einem Mühlstein, steht inmitten ein roter Dudelsack, das Symbol für sexuelle Ausschweifungen und Obszönität. Um diesen Dudelsack herum führen vier Wesen Menschen an ihren Händen herum: Der „Spottvogel“, die „Hoffart“ (Hochmut), der „Bär“ (Symbol für „Zorn“) und eine dickliche Figur, die in eine abweisende Hülle eingebunden ist. Vielfach geht man davon aus, dass es sich bei letzterer Figur um einen Geldsack handelt, der „Habgier“ symbolisiere. Sollte es sich bei den vier Wesen indessen nicht speziell um Todsünden, sondern Charakterzüge handeln, wäre eine Deutung, es handele sich um die „spöttische“, „arrogante“, „jähzornige“ und „mimosenhafte“ Art von Charakteren, ebenfalls denkbar.
In dem geborstenen Ei, dessen Eingang mit einem mit einem Dudelsack geschmückten Fähnchen gekennzeichnet ist, tummeln sich einige Leute. Ein nackter Dicker, der nur mit dem Oberteil eines Ordensgewandes bekleidet ist, klettert die Leiter hinauf. Er führt einen Krug mit sich, den er an einen Stock gesteckt hat, außerdem steckt ihm ein Pfeil im Anus (zur Bedeutung der Symbole siehe Hieronymus Bosch - Das Werk), er ist auf dem Weg in ein Bordell. Ein nackter Mensch steht vor der Leiter, er hält verschämt seine Hände vor das Geschlechtsteil, will die Leiter nicht hochsteigen, aber ein geflügeltes Monster lässt keinen Zweifel daran, dass es ihn hinauf zwingen wird - Andeutung eines sexuellen Missbrauchs.
Oberhalb des Baummenschen ist ein Messer in zwei überdimensionale Ohren eingespannt. Die Ohren sind von einem Pfeil durchbohrt, ihre Bedeutung ist nicht eindeutig, es kann sich um einen Hinweis darauf handeln, dass den Geboten Gottes nicht gehorcht wurde. Dämonen zerren Menschen unter die Klinge und legen sie zurecht, damit diese von der Schneide erfasst werden. Im rechten Teil des Bildes – auch hier ist ein überdimensionales Messer in Szene gesetzt - werden Menschen in Ritterrüstung gequält und von Höllenhunden zerfleischt, darunter nackte Personen zu Reittieren abgerichtet.
Unterhalb des Baummenschen ist ein wehrloses Opfer in die Saiten einer Harfe eingespannt, ein anderes Opfer wird von einer großen Flöte niedergedrückt, ein weiteres liegt unter der Leier gefangen, auf sein Hinterteil sind Noten geschrieben, nach der die hier Herumgruppierten unter Anleitung eines Monsters singen müssen. Neben der Szene sitzt ein vogelähnliches Wesen, es trägt einen Kessel auf dem Kopf (Symbol, sich gegen den Himmel und göttliche Einflüsse abzuschirmen) und verschlingt Menschen. Diese werden wieder ausgeschieden und fallen in eine Sickergrube, die allerlei Ekel bietet: Abgesehen davon, dass eine Person dorthinein Goldmünzen ausscheidet, wird eine andere gezwungen, sich in diesen Pfuhl zu erbrechen. Das Chaos am umgestürzten Tisch im unteren Bereich des Bildes prangert auf den ersten Blick Spielsucht und Falschspiel an. Aber versteckt wird in der linken Ecke die Enthauptung eines Menschen angedeutet. In der rechten Ecke versucht ein Mensch, sich gegen ein mit der Oberbekleidung einer Nonne bedecktes Schwein zur Wehr zu setzen. Ein Schriftstück liegt ihm auf den Knien, ein Wesen, das seine Gesichtszüge hinter dem heruntergelassenen Visier eines Helmes verbirgt, reicht Tinte und Feder, er soll – möglicherweise ein Geständnis? – unterschreiben.
Die Darstellung der Hölle überbietet an Grausamkeit alles, was Bosch in seinem Leben je produziert hat. Und sie steht im Kontrast zu den zwei anderen Tafeln. Die Bestrafung geschieht hier jeweils für die Sünden, welche an den Attributen und den Qualen zu erkennen sind. Die grausame Darstellung von Demütigung, Missbrauch und Folter sind zum Zweck der Abschreckung dargestellt. Die „musikalische Hölle“ steht im Widerspruch zum „Garten Eden“ und zum „Garten der Lüste“ und erscheint deshalb sehr real, weil das 'Inventar' (z.B. Kleidung, Instrumente, Stadtlandschaft) der Hölle der Lebenswelt entnommen ist, in der Bosch und seine Zeitgenossen lebten. Man kann deswegen aber nicht darauf schließen, dass es Bosch und seinen Zeitgenossen sehr schlecht ging, zumal der Maler einer der wohlhabendsten seiner Stadt war und die Niederlande damals insgesamt zu den entwickeltsten Regionen Europas zählten.
- Bilder von Hieronymus Bosch