Der Chinesische Garten

Den Südteil des Botanischen Gartens nimmt die Geobotanische Abteilung ein. Es handelt sich hier um ein Gebiet aus typisch europäischen Biotopen, wie verschiedene Waldarten und Vertreter der Heide- und Küstenvegetation. Diese werden durch Wiesen, Steppen, Moore und Waldbaumarten ergänzt, wie sie gewöhnlich nur in Asien und Teilen Amerikas anzutreffen sind. Hier kann man lernen, die Beziehungen der Pflanzen untereinander und innerhalb des Umweltkontextes zu verstehen.

Im Frühling und Sommer ist der Bachlauf mit den Teichen eine besondere Attraktion. Dann tummeln sich dort zwischen den Wasserpflanzen unzählige Frösche, deren Quaken mehrere hundert Meter weit zu hören ist. Das Glucksen des Baches, umherschwirrende Libellen und das allgegenwärtige Zwitschern der Vögel bereichern die Geräuschkulisse.

Um das Wüstenhaus und besonders auf dessen Südseite ist im Sommer eine etwa 400 m² große Steppen- und Wüstenlandschaft nachgebildet. Dort sind als Kübelpflanzen gehaltene Sukkulenten in den Sandboden eingelassen und so geschickt mit Bruchsteinen und Begleitvegetation arrangiert, dass der Eindruck einer echten Landschaft entsteht. Durch die geschützte, südliche Lage ertragen die Sukkulenten auch einen verregneten Sommer ohne größere Probleme.

Alle Abteilungen finden sich inmitten einer Landschaft aus Beeten, Wiesen und Treppen, die von Kübelpflanzen gesäumt sind. Der Besucher kann also auf seinem Weg zwischen den verschiedenen Bereichen Nutzpflanzen, Kräuter, Gartenblumen, exotisches Busch- und Staudenwerk, geschickt angelegte Felsfluren mit alpinen Pflanzen und Rabatten mit Zierpflanztechniken bestaunen.

Der Chinesische Garten Bochums mit dem Namen Qian Yuan (Qians Garten] ist auf 1000 m² entstanden, wobei ein Teich die Hälfte dieser Fläche einnimmt. Dieses Beispiel für chinesische Gartenkunst stiftete die Tongji-Universität Shanghai der Ruhr-Universität als Zeichen der Freundschaft. Chinesische Architekten und Handwerker haben ihn 1986 aus originalen Bauteilen gestaltet, die über den Seeweg transportiert wurden. Beim Aufbau wurden 600 Tonnen Gestein unter Anleitung chinesischer Spezialisten zu Felsformationen aufgetürmt und mit Mauerdurchlässen, Terrassen und Pavillons versehen.

Im Jahr 2001 sanierten chinesische Facharbeiter den Garten für vier Monate grundlegend, da insbesondere konstruktiv tragende Hölzer auf Grund eines Pilzbefalls vom Zerfall bedroht waren und die Dachziegel Frostschäden aufwiesen, so dass die Anlage vorübergehend geschlossen werden musste. Am 18. Oktober 2001 erfolgte die Wiedereröffnung des Gartens.

Grundsätzlich gibt es zwei stilistische Ausprägungen in der Gartenbaukunst Chinas. Der Nordchinesische oder Imperiale Stil bezeichnet weitläufige Anlagen unter Verwendung wertvoller Materialien wie Marmor oder in unterschiedlichen Farben glasierter Dachziegel. Der Chinesische Garten der Ruhruniversität Bochum ist demgegenüber der einzige Garten Deutschlands, der im Südchinesischen Stil ausgeführt wurde. Dieser Stil steht für einfache Materialien wie Naturstein, Holz, einfarbige Ziegel als auch für zurückhaltende Farbgestaltung und wird von hochrangigen Beamten, Gelehrten und Künstlern bevorzugt. Er orientiert sich an südchinesischen Hausgärten und soll den Eindruck hervorrufen, als seien die eingesetzten Landschaftselemente wie Wasser, Felsen, Erhebungen und die Terrainausprägung bereits durch die Natur vorgegeben und vorhanden gewesen. Deshalb wurden auch in Bochum diese schlichten Materialien und zurückhaltende Farben (Weiß, Schwarz, Braun, Grau und Dunkelrot) eingesetzt.

Das Prinzip des Gartens ist dergestalt, dass Ruhe und Bewegung der Natur architektonisch zu einem Ganzen verwoben werden: das Wasser in ruhiger Form als Teich oder Brunnen, bewegt als Quelle oder Wasserfall. Auf den Wandelgängen, die die gesamte Anlage durchziehen, bewegt sich der Besucher zu den schönsten Blickpunkten im Garten und kann immer wieder in kleinen Pavillons innehalten, deren geschwungen auslaufenden Dachflächen mit einzigartigen und handgearbeiteten Ziegeln gedeckt wurden.

Schon außerhalb der chinesischen Natursteinmauern soll der Besucher auf die Schlichtheit der südchinesischen Gestaltkunst meditativ eingestimmt werden. Dieses wird architektonisch durch kunstvoll gestaltete, teils runde, aber auch durchbrochene Wandöffungen erreicht, die als eine Verbindung zwischen Innen und Außen auf die Besonderheit des "Gartens im Garten" hinweisen sollen.

Auf großen Trittsteinplatten über einem Zugangsbassin gelangt der Besucher durch eine hölzerne Flügeltür in die kleine Eingangshalle. Zur Linken führt sodann ein gewundener Wandelgang in den Garten – über eine kleine Brücke zur geräumigen Haupthalle. Von dort aus genießt der Besucher die Aussicht über die ganze Gartenlandschaft. Von der Haupthalle führen ein paar Steinstufen hinunter zum Wasserpavillon.

Vom rückwärtigen Teil der Haupthalle zweigt ein kleinerer Wandelgang ab, der den Besucher an vier außergewöhnlich schönen, großflächigen Gartendarstellungen (Grundrisse und Perspektivdarstellungen) in Form von Steinrelief-Arbeiten vorbei zu einem antiken Brunnen führt. Von jahreszeitlich abgestimmten Blumen umgeben, wird die perfekte Illusion dörflichen Stilllebens erzeugt.

Das nächste sich bietende Bild auf dem Weg – schroffe Felsen und eine Hütte mit niedrigem Strohdach direkt am Wasser – erinnert an eine alte Fährstelle. Nachdem man an einigen hoch aufgetürmten Felsen mit ein paar Bergpfaden vorbei gekommen ist, scheint der Weg plötzlich vor einer Felswand zu enden und führt doch weiter in eine dunkle Quellhöhle. Danach tritt der Besucher wieder ins Licht. Auf dem Wandelweg kommt er schließlich zum kleinen Insel-Pavillon mit sechseckigem Grundriss, von wo aus der Blick noch einmal die gesamte Gartenanlage umfasst.

Der Gartenname "Qians Garten" geht auf Tao Qian (365–427 n. Chr.) zurück, einen bekannten Schreiber, dessen "Bericht vom Pfirsichblütenquell" sich seit Jahrhunderten in China großer Beliebtheit erfreut. In dieser Erzählung verirrt sich ein Fischer in ein Traumland namens "Pfirsichblütenland". Dort führen die Menschen ein harmonisches und sorgenfreies Leben in einer wundervollen Umgebung. Tao Qian beschreibt auf diese Weise seine Hoffnung auf eine ideale Gesellschaft und die Sehnsucht nach einem harmonischen Leben in Einklang mit der Natur. Im Sinne dieser Philosophie errichteten die Architekten des "Qian Yuan" in Bochum den Garten.

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